6 – Türkisches Kreta

Die Geschichte von Kreta (Teil VI) unter der türkischen Herrschaft (1669-1898 n.Chr.)
Das türkische Kreta, die Unabhängigkeitskriege und die Vereinigung mit Griechenland.

Gewölbte Moschee in der Festung ‚Fortesta‘ in Rethmyno.

Hier zu Teil V: Byzantinische und venezianische Herrschaft.

Das türkische Kreta (1669-1898)

Es ist eigentlich umstritten, ob die türkische Besatzung von Kreta jemals so hart oder belastend wie die venezianische Herrschaft war, aber der Ruf der Türken ist seitdem weitaus schlechter.
Zum Teil mag das einfach daran liegen, dass die Erinnerungen daran nicht so lange zurückliegen, aber die türkische Herrschaft war auch komplizierter durch die unterschiedlichen Religionen und sie hatte auch Bestand bis in die Zeit des wiederauflebenden griechischen Nationalismus und der Einflussnahme der europäischen Großmächte.

Obwohl die Türken bei ihrer Invasion der von den Venezianern beherrschten Insel von der einheimischen Bevölkerung mehrheitlich willkommen geheißen wurden, hielt dieser Zustand nicht lange an.
Der fünfundzwanzigjährige Krieg um die Insel verwüstete das Land und die Bevölkerung schrumpfte von etwa 287.000 auf 133.820 Einwohner. Nun wurde Kreta wieder einmal aufgeteilt, diesmal zwischen mächtigen Paschas, welche die Insel lediglich als auszubeutende Ressource ansahen.

Das Osmanische Reich legte weniger harte Regeln auf als die Venezianer, verlangte aber unter dem Strich nicht weniger. Anstatt zu versuchen, die Kontrolle über den Handel selbst zu übernehmen, zwangen die Türken einfach nur lähmende Steuern auf.
Es gab weniger Einwanderer als zur Zeit der Venezianer und die Türken zeigten weit weniger Interesse an ihren Eroberungen, solange die Steuermünzen weiterhin eintrafen. Gleichzeitig wurde davon nur wenig in die Insel wieder reinvestiert. So gab es außerhalb der Städte kaum noch richtige Gebäude und die Straßen und selbst die Verteidigungsanlagen zerfielen allmählich.
Die lokale Verwaltung wurde den örtlichen Grundherren und mithilfe der von ihnen befehligten Janitscharen-Söldnern überlassen. Somit entstand auf lokaler Ebene eine weitere Schicht von Ausbeutern, da auch diese Männer sich ihren Anteil nahmen.
Die hohen Steuern und Zölle führten zur Vernachlässigung und Stagnation der gesamten Wirtschaft auf der Insel.

Islamische Gebetstürme und Moscheen beherrschen auch heute noch das Stadtbild von Rethymno.

Eine Möglichkeit, dem Härtesten zu entkommen, war es, Muslim zu werden und nach und nach, konvertierte die Mehrheit der christlichen Bevölkerung zum Islam – zumindest nominell. Diese Bekehrung brachte erhebliche materielle Vorteile bei der Besteuerung und das Recht auf Eigentum. Auch half es, die schlimmsten Repressionen zu vermeiden, welche unweigerlich auf jede christliche Rebellion folgten.
Diese griechischen Muslime waren nicht besonders religiös, denn selbst unter den Türken auf der Insel scheint das islamische Recht lose ausgelegt worden zu sein. So fuhren viele fort, im Geheimen weiterhin als Christen zu leben, aber die Massenapostasie führte dazu, die Insel weiter zu spalten.
Für diejenigen, die offen Christen blieben, wurde die Last immer schwerer, da es weniger gab, welche diese tragen konnten. Viele gingen in die Berge, wo der türkische Arm sie kaum noch erreichen konnte.

Der muslimische Gebetsturm an der ehemaligen Moschee und heutigen Kirche von Ierapetra steht noch immer.

Als die Besatzung weiterging, konzentrierten Türken ihre Macht auf die Städte und die fruchtbaren Ebenen um sie herum, während die Berge zu Hochburgen der christlichen Pallikdres wurden. Die erste große Rebellion kam 1770 und unvermeidlich war ihr Zentrum die Gebirgsregion Sfakia. Unter Daskalojannis gerieten die Kreter in die Interessen der Großmächte und probten den Aufstand und wurden fallengelassen, als die versprochene Hilfe aus Russland niemals kam. Daskalojannis wurde deshalb mit falschen Versprechungen nach Iraklion gelockt und von den Türken bei lebendigem Leib gehäutet.
Nach dem Scheitern des Aufstandes wurde Sfakia für eine Zeit unter türkische Kontrolle gebracht, aber der Bann war gebrochen und im neunzehnten Jahrhundert gab es praktische einen ständigen Kampf um die Unabhängigkeit.

Unabhängigkeitskriege

Die kleine Kirche in der Milatos-Höhle, zusammen mit dem Denkmal mit einigen der Gebeine der Getöteten beim Aufstand von 1823 rechts.

Zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts geriet das Osmanische Reich unter starkem Druck auf dem griechischen Festland. 1821 brach dann eine umfassende Revolution aus, welche zum Griechischen Unabhängigkeitskrieg wurde.

Ein Teil der türkischen Reaktion auf diese Ereignisse bestand darin, den ägyptischen Pascha Mehmet Ali um Hilfe zu bitten. Dessen Preis war die Kontrolle über Kreta. Bis 1824 hatte er in einem selbst für kretische Verhältnisse auf beiden Seiten brutalen Feldzug den Widerstand der Insel gebrochen.

Das Aquädukt von Iraklion, errichtet unter ägyptischer Hoheit zwischen 1832 und 1840.

Als 1832 endlich ein unabhängiger griechischer Staat mit der Unterstützung von Großbritannien, Frankreich und Russland gegründet werden konnte, verblieb Kreta weiterhin in den Händen der Ägypter. Innerhalb von zehn Jahren wurde es aber wieder türkischer Kontrolle übergeben.

Von nun an war der Guerillakrieg zur Vereinigung mit Griechenland, genannt Cinosis, fast ein Dauerzustand, welcher sich hin und wieder in neue Revolutionen ausweitete. Zumeist waren es aber ununterbrochene Überfälle und Anschläge.
Die Kreter genossen dabei eine breite Unterstützung, nicht nur auf dem griechischen Festland, sondern in ganz Westeuropa, insbesondere unter den im Ausland lebenden griechischen Gemeinschaften.

Es gab einen großen Aufstand im Jahre 1841, der blutig niedergeschlagen wurde und 1858 einen weiteren, der relativ friedlich mit der Abberufung des türkischen Gouverneurs und einigen kleineren Zugeständnissen an die christliche Bevölkerung endete. So erließen die Türken 1856 ein Gesetz zur Gleichstellung von Muslimen und Christen und es wurden paritätisch besetzte Gerichtshöfe in Candia (Iraklion) und Chania eingerichtet. Trotzdem blieben die Steuerlasten nun für alle Bewohner hoch.


Das Kloster Arkadi mit seiner Kirche ist Kretas Nationalheiligtum.

1866 erklärte eine kretische Versammlung im Sfakia-Gebirge die Unabhängigkeit und die Vereinigung mit Griechenland. Der nachfolgende ‚Große kretische Aufstand‘ wurde auch von griechischen Freiwilligen von außerhalb der Insel unterstützt.
So wurden die Ägypter zurückgerufen, um eine weitere Welle von Aufständen niederzuschlagen. Wieder erwiesen sich die ägyptischen Truppen als rücksichtslos effektiv, aber der Feldzug endete mit der trotzigen Explosion und Selbsttötung der Verteidiger in Moni Arkadi.

Dieses Ereignis weckte in ganz Europa die Sympathien für die Kreter. Die Großmächte und hier allen voran Großbritannien, weigerten sich immer noch, in die Angelegenheit verwickelt zu werden, aber private Waffenlieferungen und die Anzahl der Freiwilligen an die Aufständischen verdoppelte sich.
Von nun an schien eine Lösung des Problems unausweichlich, aber selbst der Berliner Kongress von 1878 beließ Kreta unter türkischer Herrschaft und verlangte nur weitere Reformen von der Regierung in Istanbul. Dazu gehörten die Mitsprache der Kreter bei der Verwaltung und Zulassung der griechischen Sprache vor Gericht.

In den Jahren 1889 und 1896 kam es zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen und 1897 landeten sogar griechische Truppen an, um die Insel anzugliedern. Schließlich wurden die Großmächte zum Handeln gezwungen, als 1898 der britische Konsul bei einer Schießerei getötet wurde. Sie besetzten Kreta mit einer internationalen Truppe – darunter auch Österreicher und Deutsche – und teilten die Insel in Besatzungsgebiete auf, die von den Briten, Franzosen, Russen und Italienern kontrolliert wurden.

Unabhängigkeit Kretas und Vereinigung mit Griechenland

Die Empörung, die schließlich zum Abzug der türkischen Truppen aus Kreta führte, war das kleine Scharmützel von 1898 in Iraklion, das zum Tod des britischen Vize-Konsuls führte. Es wurde eine nationale Regierung gebildet, die nominell noch unter osmanischer Oberhoheit stand, aber von Prinz Georg, jüngerer Sohn von König Georg von Griechenland, als Hochkommissar geführt wurde. Unter ihm wurde eine gemeinsame muslimisch-christliche Versammlung, welche teils gewählt und, teils ernannt, wurde, einberufen.

Venizelos (links) mit dem Armee-Oberbefehlshaber Prinz Konstantin während des Ersten Balkankriegs.

Die Euphorie über die Unabhängigkeit war jedoch gedämpft, denn die vollständige Vereinigung mit Griechenland blieb der Wunsch der meisten Kreter. Ein neuer Führer dieser Bewegung trat mit Eleftherios Venizelos bald auf. Er war in Mournies, außerhalb von Chania, geboren und kämpfte in den früheren Unabhängigkeitskriegen. Nun wurde er ein Mitglied der kretischen Versammlung und Justizminister von Prinz George. Politisch hatte er jedoch wenig mit seinem neuen Herrn gemein und so berief er 1905 eine illegale revolutionäre Versammlung in Theriso ein.

Obwohl der Versuch, zu den Waffen zu greifen, kurzerhand zunichtegemacht wurde, war die Unterstützung von Venizelos trotzdem so groß, dass er die Abdankung von Prinz George erzwingen konnte. 1908 erklärte die ‚Kretische Versammlung‘ einseitig die Enosis, was zu einer großen Verlegenheit bei der griechischen Regierung führte. Denn zwischenzeitlich hatte die ‚Revolution der Jungtürken‘ das Osmanische Reich wiederbelebt und die europäischen Großmächte wanden sich entschieden gegen alles, was das empfindliche Gleichgewicht der Kräfte auf dem Balkan stören konnte.

Da es die griechische Regierung versäumte, entschiedener zugunsten Kretas zu handeln, war dies eine der Ursachen, die dazu führten, dass die ‚Militärliga der jungen Offiziere‘ politische Reformen auf dem Festland erzwang. Mit ihrer Unterstützung wurde Venizelos 1910 Ministerpräsident Griechenlands, welches auch kretische Abgeordnete in das griechische Parlament aufnahm.

Das rote Gebäude in der Bildmitte war die Festung ‚Firkas‘ und ist nun das Marine-Museum von Chania.

1912 erklärten Griechenland, Serbien und Bulgarien dem Osmanischen Reich den Krieg und drangen spektakuläre auf türkisches Gebiet vor. Mit dem Friedensvertrag von London im Jahr 1913 wurde Kreta schließlich und offiziell Teil des griechischen Staates. Im Dezember 1913 wurde die griechische Flagge auf der Festung Firka in Chania gehisst.

Obwohl Griechenland im Ersten Weltkrieg politisch zerrissen war und auch die nachfolgenden Jahrzehnte häufige, manchmal gewaltsame Machtwechsel zwischen venizelistischen und königlichen Kräften stattfanden, war Kreta davon kaum betroffen.
Nur bei einer weiteren Gelegenheit spielte die Insel vor dem Ausbruch des Krieges im Jahr 1940 eine bedeutende Rolle in den griechischen Angelegenheiten, als es im Juli 1938 einen Volksaufstand gegen den Diktator Metaxas und zugunsten der Venizelisten gab, der aber rasch niedergeschlagen wurde.

Die griechischen Besetzung des Gebietes von Smyrna führen nach dem 1. Weltkrieg bald zum griechisch-türkischen Krieg, welcher erst nach zwei Jahren im Frieden von Lausanne 1923 beendet wird.

Die Insel wurde jedoch von den Folgen des katastrophalen griechischen Versuchs, Istanbul zu erobern, um die ‚Große Idee‘ der Restauration des Byzantinischen Reiches zu verwirklichen, schwer heimgesucht. Im Rahmen der Friedensregelung, die auf dieses militärische Debakel folgte, kam es im Frieden von Luasanne 1923 zu einem erzwungenen Bevölkerungsaustausch. Dabei wurden Muslime aus Griechenland und orthodoxe Christen aus der Türkei vertrieben.
Auf Kreta waren viele dieser ‚Türken‘ aber tatsächlich muslimische Kreter, Nachkommen der Massenapostasie des achtzehnten Jahrhunderts. Trotzdem mussten auch sie die Insel verlassen und insgesamt waren es etwa dreißigtausend Menschen. Eine ähnliche große Anzahl von christlichen Flüchtlingen aus der Türkei nahm ihren Platz ein.

Teil VII folgt in Kürze !