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5 – Byzantinische und venezianische Herrschaft

Die Geschichte von Kreta (Teil V) unter byzantinischer, arabischer und venezianischer Herrschaft (330-1669 n.Chr.) Hier zu Teil IV: Kreta in der Antike. Erste byzantinische Herrschaft…

Die Geschichte von Kreta (Teil V) unter byzantinischer, arabischer und venezianischer Herrschaft (330-1669 n.Chr.)

Die gewaltige venezianische Stadtmauer von Iraklion. Dies sind die Schießscharten für die ehemals dort stehenden Kanonen neben dem ‚Jesus-Tor‘.

Hier zu Teil IV: Kreta in der Antike.

Erste byzantinische Herrschaft (330-824 n.Chr.)

Mit der Teilung des Römischen Reiches am Ende des vierten Jahrhunderts wurde Kreta ein Teil des Oströmischen Reiches. Die Insel entwickelte sich dabei weiter und Kirchen wurden überall errichtet. Die byzantinische Herrschaft führte aber wie überall zu einer erstickend festgefahrenen Gesellschaft, welche bis zum äußersten Extrem hierachisch und bürokratisch war.

Die zentrale geografische Lage Kretas spielte eine wichtige Rolle für das Byzantinische Reiches, da der Handel im Mittelmeerraum auf der Seeroute von Byzanz über Kreta nach Ägypten bis nach Afrika hinein abgewickelt wurde. Kreta war zu dieser Zeit eine unabhängige Provinz, die von einem byzantinischen General geleitet wurde.

Reste der frühchristlichen Basilika bei Olous aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts n.Chr.

Zu Beginn dieses Zeitabschnitts verbreitete sich das Christentum über die ganze Insel und es wurden viele, große Kirchen errichtet. Am Anfang war der Bischof von Kreta dem Papst in Rom geistlich unterstellt, aber ab dem 8. Jahrhundert war er dem Patriarchat von Konstantinopel unterworfen.
Von den frühen Kirchen sind nur noch Spuren erhalten und hiervon hauptsächlich die Mosaikfluren. Nur in Gortis gibt es mehr Überreste, wie die Basilika von Agios Titus.

 

Araber aus Nordafrika kamen im 7. Jahrhundert im Mittelmeerraum zum Wirken und schränkten die Rolle Kretas mit ihren ständigen Piratenangriffen ein. Ein solcher Überfall in den Jahren 672-673 n. Chr. hatte zerstörerische Folgen für die großen Städte Kretas.

Die Eroberung durch die Araber (824-961 n.Chr.)

Die sarazenischen Araber, die Piraten des westlichen Mittelmeers, welches aus Spanien und dann Alexandria vertrieben worden waren, beschlossen, die Insel nach einer vorübergehenden Invasion durch Abu Ka’ab im Jahr 823 dauerhaft in Besitz zu nehmen.

Überall kann man noch heute zerborstene Reste von Säulen des zerstörten Gortis finden.

Im Jahr 824 landeten sie an der Nordküste Kretas in der Provinz Viannou. Die Eroberung Kretas ging einher mit Plünderungen, Gewalttaten, der Zerstörung der Städte und christlichen Kirchen und dem Bestreben, die Bewohner zum Islam zu bekehren. Dabei wurde auch die Provinzhauptstadt Gortis nach einer Belagerung dem Erdboden gleichgemacht.
Die Araber konnten jedoch das religiöse und ethnische Bewusstsein der Bewohner nicht verändern. So versank die Insel in eine lange Dunkelheit der Sklaverei und viele Menschen flohen oder zogen sich in die Berge zurück.

 

Die Eroberer verstärkten die Festungen auf Megalo Kastro, um die herum sie einen großen Graben (‚Khandak‘) gruben. Während der Jahre der arabischen Herrschaft hatte Khandak – das heutige Iraklion – den Ruf, der größte Sklavenmarkt im Osten zu sein. Dort wurde ein ungeahnter Reichtum durch Piratenangriffe, Überfälle auf das griechische Festland und andere Inseln sowie dem Sklavenhandel angehäuft.

Die Überreste der Fokas-Kirche auf der Halbinsel Spinalonga, welche an der Stelle errichtet wurde, wo der byzantinische General erfolgreich anlandete.

Der Verlust Kretas war ein schwerer Schlag für das Byzantinische Reich und die Rückeroberung der Insel war nun das Hauptbestreben. Nach erfolglosen Versuchen in den Jahren 825, 826, 828 und 902 n. Chr., gelang es Nikiforas Fokas, dem zukünftigen byzantinischen Kaiser, im Jahr 960 n. Chr. mit einer großen Armee und Flotte erst an der Halbinsel Spinalonga und dann der Küste von Almyros nahe Iraklion anzulanden.
Bis 961 v. Chr. eroberte er Kreta zurück, nachdem er Khandak in einer blutigen Belagerung, bei der er die Köpfe seiner Gefangenen mit Katapulten über die Stadtmauern schleudern ließ, erobert hatte.

Zweite byzantinische Herrschaft (961-1.204 n.Chr.)

In der Panagia-Kera-Kirche bei Kritsa befinden sich die berühmtesten, erhaltenen byzantinischen Fresken.

Nach der Rückeroberung der verwüsteten Insel versuchten die Byzantiner in jeder erdenklichen Weise, die Wunden zu heilen und alle Spuren der arabischen Besetzung Kretas zu beseitigen. Sie brachten neue Kolonisten aus anderen Gebieten herein und auch viele der Soldaten von Nikiforas Fokas ließen sich auf der Insel nieder, um die christliche Bevölkerung zu verstärken. Die Kirchen wurden sehr aktiv, gründeten Klöster, bauten neue Kirchen und predigten sehr umfangreich, um das Bildungsniveau und christliche Bewusstsein der Menschen zu verbessern.

Es folgte eine Phase des Friedens, in der das öffentliche und private Leben nach und nach dem byzantinischen Vorbild angepasst wurde. 1082 n. Chr. entsandte Kaiser Alexis I. Comnenus neue, dauerhafte Kolonisten unter der Leitung seines Sohnes Issac mit 12 Archontopouloi (Aristokraten) aus den großen byzantinischen Familien der Phokas, Gavalas, Vlastos und anderer, die die Grundlage für einen neuen byzantinisch-kretischen Adel schufen.
Diese neuen kretischen Adelsfamilien spielten dann immer eine führende Rolle bei allen wichtigen Ereignissen, Rebellionen und Freiheitskämpfen des kretischen Volkes in den nachfolgenden Zeitaltern.


Es ist schon sehr ironisch erwähnen zu müssen, daß das Ende der byzantinischen Herrschaft über Kreta nicht durch die Araber erfolgte, sondern durch die christlichen Kreuzritter. Während des Vierten Kreuzzuges gelang es den Venezianern, diesen nach Konstantinopel umzuleiten und die Stadt wurde geplündert und niedergebrannt. Dem Anführer der Kreuzritter, Prinz Boniface of Montferrat, wurde Kreta überlassen.

Venezianische Herrschaft (1.204-1.669 n.Chr.)

Nachdem die Kreuzritter 1204 Konstantinopel erobert hatten, wurde Kreta an Boniface Montferrat übergeben, der es an die Venezianer verkaufte. Für kurze Zeit konkurrierte Genua mit Venedig und unter E. Pescatore und mit lokalen Unterstützern gelang es den Genuesen, einen Teil Kretas zu besetzen und vierzehn Festungen an strategischen Orten zu errichten. Nach einem langen Kampf, der bis 1212 dauerte, wurden die Venezianer schließlich die einzigen Herrscher der Insel und es begann eine lange und bedrückende Periode der Unterdrückung auf Kreta, die bis 1669 andauern sollte.

Die Lassithi-Hochebene wurde zu einem der Zentren des Widerstandes und die Venezianer verboten daher anfangs deren weitere Besiedelung.

Um die neue Erwerbung zu sichern, siedelten die Venezianer viele Adelsfamilien und 10.000 Kolonisten aus der Stadt Venedig selbst auf der Insel an. Die oberste politische Autorität lag in den Händen des Herzogs mit seinen beiden Beratern, während der Befehlshaber der Garnison der Militärverwalter in Khandak war. Die Venezianer führten ein umfassendes Feudalsystem nach westlichem Vorbild ein, das die kretische Gesellschaft radikal veränderte und die Bewohner in vier Klassen einteilte. Die oberste Klasse waren die venezianischen Adligen und ihre Nachkommen, gefolgt von den kretischen Adligen, der Bourgeoisie und den einfachen Landbewohnern in den Dörfern.

Die große Unterdrückung, die hohen Steuern, die Überheblichkeit, die Zwangsarbeit und der Mangel an politischer und religiöser Freiheit führten zu ständigen Rebellionen mit sozialem oder ethnischem Ursprung. Erwähnt werden 27 Revolten von unterschiedlicher Intensität, die einen Zeitraum von etwa zwei Jahrhunderten stattfanden. Die Führer der großen Rebellionen waren die Oberhäupter der Adelsfamilien byzantinischer Herkunft. Allerdings versuchten auch die Genuesen in dieser Zeit immer wieder mit ihrer Unterstützung auf der Insel Fuß zu fassen.

Bau von venezianischen Galeeren; Modell aus dem Marine-Museum in Chania.

Die Römische Kirche ersetzte die Orthodoxe Kirche als ‚offizielle‘ Religion, aber lokale Priester und Klöster wehrten sich gegen diese neue Ordnung und schon zu diesem frühen Zeitpunkt wurden sie zu den Zentren des Widerstandes gegen Fremdherrschaft auf Kreta.
Trotzdem war das Mittelalter für den Export der Insel vermutlich der herausragendste Teil seiner Geschichte, das Korn, Wein, Öle und Salate in den geschäftigen Häfen verschifft wurden. Durch den umfangreichen Schiffsbau wurden auch die Hügel und Berge der Insel kahlgeschlagen, um das dafür benötigte Holz zu erhalten.

 

Nonnen-Kloster St. Michael und Gabriel ‘Kremaston’ über Neapoli, welches 1593 vom Mönch Mitrofanis gegründet wurde.

Nach dem Fall von Konstantinopel 1453 an die Türken sah Kreta eine spektakuläre Renaissance durch den starken Zuzug von Flüchtlingen aus dem Osten. Und so begann sich nach 1500 das Feudalsystem aufzulösen und die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen änderten sich. Die orthodoxe Kirche erhielt einen Teil ihrer Macht zurück und baute Kirchen und Klöster, die zu den Keimzellen der geistigen Entwicklung wurden.
Die griechische Sprache wurde offiziell anerkannt und es kam zu einer dauerhaften Vermischung der Bevölkerung, welche zu einer Hellenisierung der Venezianer und zur Schaffung einer neuen venezianisch-kretischen Gesellschaft mit einem fortschrittlichen Bürgertum führte. Diese Gesellschaft war bereit, die neuartigen Renaissance-Einflüsse aus Europa auf der Grundlage der byzantinischen Tradition anzunehmen.

Die Venezianische Loggia in Iraklion, Kretas schönster Profanbau der Renaissancezeit.

Eine große Zahl von Kretern studierte an europäischen Universitäten und ragte hervor, während auf der Insel eine bemerkenswerte intellektuelle und künstlerische Bewegung entstand. Die Städte wurden mit fabelhaften Monumenten geschmückt.
Aber es war die wachsende Bedrohung von außen, welche die dauerhaftesten venezianischen Bauwerke erschuf, die Festungen und Stadtmauer.

Venedigs Bastionen auf dem Festland im östlichen Mittelmeer-Raum waren zusammen mit Konstantinopel zwischenzeitlich alle verloren und 1573 wurde auch Zypern von den Osmanen erobert. Dadurch rückte Kreta praktisch in die vorderste Frontlinie.
Größere Angriff von Piraten waren bereits weit verbreitet und 1538 hatte Barbarossa bereits Rethymno zerstört und beinahe auch fast Chania eingenommen. In den 1560er Jahren gab es dann weitere Angriffe türkischer Piraten und auf der gesamten Insel wurden die Verteidigungsanlagen der Städte verstärkt und die Festungsinseln, welche die Seewege sicherten, wurden repariert und wiederhergestellt.

Im Verlauf des siebzehnten Jahrhunderts befand sich allerdings Venedig selbst im Niedergang. Denn der Handel im Mittelmeer stand nun im Schatten mit denjenigen aus der ‚Neuen Welt‘, welcher von Spanien, England und den Holländern beherrscht wurde.
Schließlich lieferte 1645 ein Angriff auf einen osmanischen Schiffs-Konvoi den Vorwand für einen türkischen Grossangriff auf Kreta. 1645 landete Yusuf Pascha mit einer großen Anzahl von Truppen westlich von Chania. Nach einer zweimonatigen Belagerung und 40.000 Mann Verlusten eroberte er die Stadt und 1646 folgten schnell Rethymno und die meisten der Festungen der Insel nach.

Die Festung Koules am Hafen von Iraklion war ein Schwerpunkt der Verteidigung der Stadt.

Bis 1648 kontrollierten die Türken die gesamte Insel, mit Ausnahme von Iraklion. Diese Stadt mit ihren gewaltigen Verteidigungsanlangen musste allerdings 22 Jahre belagert werden, da sie über das Meer versorgt wurde und von einem Großteil Europas zumindest moralische Unterstützung erhielt.
Das Ende war jedoch unvermeidlich und aus türkischer Sicht gab es auch keine Eile, denn sie kontrollierten bereits die gesamte Produktion der Insel, sie wurden gut versorgt und sie genossen sogar ein gewisses Maß an lokaler Unterstützung. Denn die Türken hatten die venezianischen Fesseln gelockert und erlaubten zum Beispiel den orthodoxen Bischöfen die Rückkehr nach Kreta.

Bis 1669 wurde die Stadt praktisch nahezu ausgeblutet und in einem letzten Versuch gelang es dem Papst, die Franzosen davon zu überzeugen, eine kleine Armee zu schicken. Nach ein paar fruchtlosen Einsätzen mit schweren Verlusten zogen sich die Franzosen nach einem Streit über den Oberbefehl zurück.

Die Festungsinsel Spinalonga war einer der letzten venezianischen Stützpunkte auf Kreta.

Am 5. September musste Iraklion dann kapitulieren und die Venezianer kontrollierten nur noch die drei Festungsineln Spinalonga, Souda und Gramvousa. Diese hielten sich noch bis zum Friedensvertrag von 1715, als sie an die Türken schließlich übergeben wurden.

 


Hier zu Teil V: Das türkische Kreta.

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